Sony WH-1000XM3 im Test: Dieses ANC tut Bose weh

Bluetooth-Kopfhörer mit gutem Noise Cancelling

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von Michael Knott
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Sony WH-1000XM3 Titelbild.

Wer sich für den ANC-Kopfhörer Sony WH-1000X M3 interessiert könnte meinen, Musik spiele hier nur eine Nebenrolle. Von "adaptiver Geräuschsteuerung", ja gar einem "Geräuschminimierungsprozessor" ist die Rede. Im Test zeigt sich jedoch sehr schnell: den Aufwand, den Sony bei diesem Bluetooth-Kopfhörer betreibt, hat sich gelohnt.

Inhaltsverzeichnis

  1. So effektiv arbeitet das Active Noise Cancelling
  2. ANC-Vergleich: Sony WH-1000X M3 gegen Bose QuietComfort 35
  3. Tragekomfort und Passform: Sehr bequem
  4. Hörtest: Qualitäten abseits des Noise Cancellings
  5. Zusatzfunktionen und Steuerung
  6. Das ist uns sonst noch aufgefallen
  7. Fazit & Alternativen

Im Großraumbüro sind ANC-Kopfhörer so etwas wie die neuen Firmenwagen. Neue Modelle werden neidisch beäugt und man ist versucht beim Chef nachzufragen, wie man denn auch in den Genuss eines solchen kommen könnte. Der Kollege neben mir blickt schon aufgeregt rüber. Ich sehe, dass seine Lippen sich bewegen, kann ihn aber nicht hören. Und das, obwohl ich keine Musik eingelegt habe. "Und?", steht auf seiner Stirn geschrieben. Ich lege eine Hand auf die rechte Ohrmuschel, um der Außenwelt Zutritt in meine zu gewähren. "Wie ist das Noise Cancelling?", fragt der Kollege nun für mich deutlich verständlich.

Noch mehr Ruhe per App

Wenn das ANC allein nicht ausreicht, empfehlen wir euch Apps wie "Windy", die mit Natur- und Windgeräuschen zusätzlich helfen, Entspannung oder Konzentration aufrecht zu halten.

Beim Sony WH-1000X M3, einem brandneuen ANC-Kopfhörer der gerade eben erst auf der IFA 2018 vorgestellt wurde, ist diese Frage berechtigt. Dass sie noch vor der Frage nach der Klangqualität kommt, ist vielleicht der Historie der 1000X-Reihe geschuldet. Seit 2016 (MDR-1000X) bringt der japanische Hersteller jedes Jahr ein neues, verbessertes Modell auf den Markt. Und seit 2016 vergleichen wir das Sony-ANC mit dem von Bose-Kopfhörern. Deren aktuelles Modell QuietComfort 35 II hat in unserem Vergleichstest eine Spitzenposition inne. Kann Sony mit dem WH-1000X M3 am Thron rütteln?

So effektiv arbeitet das Active Noise Cancelling

In einem persönlichen Gespräch mit netzwelt auf der IFA nannte Sony die Konkurrenz von Bose nicht beim Namen, sondern sprach lediglich vom Hersteller "mit dem B". Wir nehmen stark an, damit ist nicht Bang & Olufsen gemeint (die mit dem Beoplay H9i jedoch ebenfalls einen ganz hervorragenden ANC-Kopfhörer im Programm haben). Bose gilt bei ANC-Kopfhörern gemeinhin als zumindest subjektiver Marktführer. Und eben diesem Hersteller wolle man mit dem WH-1000X M3 das Fürchten lehren. Im Vergleich zum Vorgänger, den es nach wie vor unter der Bezeichnung WH-1000X M2 zu kaufen gibt, sollen zahlreiche Verbesserungen für eine noch effektivere Geräuschfilterung sorgen.

"Die Technologien, die Sony zur Rauschunterdrückung aufbietet, gehören zu den besten im Markt. Der neu entwickelte HD Noise Cancelling Prozessor QN1 treibt den 1000XM3 Kopfhörer zu neuen Höchstleistungen. Im Vergleich zu seinem Vorgänger 1000XM2 unterdrückt der neue Primus Nebengeräusche rund viermal effektiver." Sony-Marketing

Sony lockt zudem mit einer weiteren Aussage. Nicht nur tiefe Frequenzen, wie sie etwa von Flugzeugturbinen erzeugt werden, sondern auch Stimmen sollen nun effektiv herausgefiltert werden. Letzteres gelang noch keinem uns bekannten Kopfhörer mit ANC - und wir haben schon viele getestet.

Um es vorweg zu nehmen: eine viermal bessere Geräuschfilterung im Vergleich zum 1000XM2 konnten wir beim 369 Euro teuren M3 subjektiv nicht feststellen. Leider dringen auch Stimmen trotz aktivem ANC noch an unser Ohr, sofern sie denn nicht allzu leise sind. Hier war das Sony-Marketing zu euphorisch. Ein gutes Stück weit teilen wir diese Euphorie jedoch. Denn selbst wenn wir keine vierfache Verbesserung im Vergleich zum direkten Vorgänger heraushören wird doch klar - der Sony WH-1000XM3 ist der derzeit beste ANC-Kopfhörer. Den Trick mit den Super-Ohren hat er übrigens nach wie vor drauf. Dazu haltet ihr bei aktivem ANC einfach eine Hand vor die rechte Ohrmuschel und schon wird die Außenwelt über die eingebauten Mikrofone hörbar.

ANC-Vergleich: Sony WH-1000X M3 gegen Bose QuietComfort 35

Eine rund dreistündige Bahnfahrt mit dem Interregio von Berlin nach Hamburg, auf dem wir sowohl den Bose QC 35 als auch den neuen Sony-Kopfhörer dabei haben, bietet ideale Bedingungen, um die ANC-Qualitäten der beiden Kontrahenten miteinander zu vergleichen.

Wir sitzen in einem offenen Abteil, der Zug ist an diesem Freitag-Abend komplett voll. Eine Gruppe Mittzwanziger steht um einen Kasten Bier im Gang und unterhält sich lautstark. Das ANC-System beider Kopfhörer stößt hier an die physikalischen Grenzen. Denn sowohl der Bose-Kopfhörer noch der Sony WH-1000X M3 schaffen es nicht, dass Gegröle vollständig auszublenden.

Ein erster Unterschied zeigt sich in den Trink- und damit Gesprächspausen der Gruppe. Das sonore Rattern des Zuges blenden beide Kopfhörer noch fast komplett aus. Doch dem Sony-Testgerät gelingt noch mehr. Nur der M3 schafft es, dass etwas "hellere" Klimpern der leeren Bierflachen im Kasten merklich abzudämpfen.

Ein anderes Beispiel. In der Redaktion angekommen stellen wir uns mit beiden Kopfhörern vor eine eingeschaltete Mikrowelle mit Drehteller. Das konstante Geräusch der Lüftung filtern beide Kopfhörer subjektiv gleich gut heraus. Die vom Drehteller verursachten Vibrationen hält wiederum der Sony-Kopfhörer ein kleines Stück besser ab, was für ein insgesamt leiseres Endergebnis sorgt.

Im weiteren Testverlauf hat der Sony-Kopfhörer beim ANC immer wieder leicht die Nase vorn. Zum Beispiel in der Stadt. Die Unterschiede zum Vorgängermodell und zum Bose QC 35 fallen gering, aber im Detail doch spürbar auf. Für absolute Stille reicht es aber noch lange nicht. Wer diese wünscht, muss auf den klassischen Gehörschutz setzen. Positiv fällt uns auf, dass das Sony-ANC nahezu lautlos arbeitet. Das permanente Grundrauschen vergangener Generationen gibt es nicht mehr.

Tragekomfort und Passform: Sehr bequem

Mit einem Gewicht von 254 Gramm gehört der Sony-Kopfhörer beileibe nicht zu den Schwergewichten unter den Kopfhörern, auch wenn der Bose QC35 II mit 235 Gramm noch etwas leichter ist. Der 1000XM2 wiegt 274 Gramm. Die Gewichtsersparnis erreicht der Hersteller auch durch eine etwas schmalere Bauform. Daher wirkt der ANC-Kopfhörer nicht mehr ganz so wuchtig auf dem Kopf, der Tragekomfort ist sehr hoch.

Weitere Kopfhörer im Test

Wir testen regelmäßig (Bluetooth)-Kopfhörer auf Herz und Nieren. Hier findet ihr alle bislang erschienenen Testberichte.


Alternative finden

Den Anpressdruck empfinden wir als genau richtig, denn auch nach mehreren Stunden fühlen wir uns nicht in die Zange genommen. Schade, dass sich die Kunstleder-Ohrmuscheln offenbar nicht wechseln lassen. Bei hohen Außentemperaturen fangen wir nämlich verhältnismäßig schnell an zu schwitzen. Für sportliche Betätigung ist dieser Sony-Kopfhörer ohnehin nicht geeignet.

Hörtest: Qualitäten abseits des Noise Cancellings

Attestierten wir der Erstauflage noch einen neutralen, eher zurückhaltenden Klang, erleben wir den aktuellen WH-1000XM3 deutlich lebhafter. Auch ohne Griff zum Equalizer (per Sony-App) spielt er sehr warm auf. Pop- und Rock-Stücken kommt dies unserer Meinung nach zugute.

"Champion Sound" von Materia & Casper etwa zeigt uns direkt, worauf Sony bei Nummer M3 gesteigerten Wert gelegt hat: Bass. Der kommt schön tief, ohne dabei die Bläser und die Stimmen der beiden Deutsch-Rapper komplett an die Wand zu spielen. Die Bühne stimmt, guter Anfang, der Lust auf mehr Bass macht. Also werfen wir "Open Eye Signal" von Jon Hopkins hinterher. Der Track malträtiert die 40-Millimeter-Treiber des M3 dermaßen, dass feine Details leider versumpfen. Aber an diesem Track scheiterten bislang noch fast alle von uns getesteten Kopfhörer.

Auf zu etwas ruhigerem. Björks "Stonemilker". Wir kennen den Song auswendig bis zur letzten Note, weil wir ihn mit dem Bowers & Wilkins P9 Signature tagelang, nächtelang rauf und runter gehört haben. Allein der Gedanke daran sorgt schon wieder für dieses Kribbeln. Da kann der aktuelle, mit 369 Euro etwa halb so teure Testkopfhörer von Sony nicht mithalten. Er mischt nun zu viel Bass bei, was uns zum ersten Mal zur zugehörigen App greifen lässt.

Zusatzfunktionen und Steuerung

Über die schlicht "Headphones" genannte Sony-App (Android / iOS) könnt ihr neben vielen Spielereien Einfluss auf den Klang des WH-1000XM3 nehmen. Neben acht voreingestellten Presets lassen sich zwei benutzerdefinierte Klangprofile hinterlegen. Wer auf feine Zwischentöne achtet, wird kaum darum herum kommen, hiervon Gebrauch zu machen. Der M3 ist kein P7, der durch seine neutrale Abstimmung im Prinzip jedes Genre gleich gut abbildet.

Da der Sony-Kopfhörer über ein eingebautes Barometer verfügt, soll er die Geräuschunterdrückung den Verhältnissen über den Wolken, im Flugzeug anpassen. Dies konnten wir noch nicht ausprobieren. In der App findet sich jedoch der so genannte "Rauschunterdrückungs-Optimierer", der ebenfalls den Luftdruck misst und das ANC-Erlebnis personalisieren soll. Nach Abschluss des Selbsttests können wir keine Veränderung im Klangbild feststellen.

In jedem Fall praktisch ist die Steuerung der Musikwiedergabe über die rechte Ohrmuschel. Hier verbaut Sony ein berührungsempfindliches "Trackpad", über das ihr per Fingerwisch zum nächsten Titel der Playlist wechseln oder die Lautstärke ändern könnt.

Das ist uns sonst noch aufgefallen

  • Zum Lieferumfang gehört eine praktische Transportbox, in der auch das mitgelieferte Zubehör (Klinkenkabel, USB-C-Kabel und Reiseadapter) Platz findet.
  • Die Akkulaufzeit gibt Sony mit 30 Stunden im Bluetooth-Modus bei aktiviertem ANC an. Geladen wird per USB-C und Schnellladefunktion. Zehn Minuten an der Steckdose reichen für fünf Stunden Musikwiedergabe aus.
  • Über die Headphone-App könnt ihr festlegen, ob und wenn ja nach wieviel Minuten sich der Kopfhörer ausschaltet.
  • Die Headphone-App stürzte im Testzeitraum mehrfach ab.
  • Nach einem durchgeführten Firmware-Update ist der Sony-Kopfhörer kompatibel zum Google Assistant.
  • Den Kopfhörer gibt es neben der gezeigten Farbe auch in Schwarz.

Sony WH-1000XM3: Fazit

Mehr Ruhe, mehr Bass 8.6/10

Der Sony WH-1000XM3 bietet ein sehr effektives Noise Cancelling (ANC), knackige Bässe und einen warmen Klang. Mit diesen drei Eigenschaften, verbunden mit dem hohen Tragekomfort, wird er viele Freunde finden. Im direkten Vergleich zum Bose QC 35 würden wir dem Sony-Modell klar den Vorzug geben.

Das hat uns gefallen

  • Gutes Noise Cancelling
  • Warmer Klang
  • Satter Bass
  • Tragekomfort
  • Schnellladefunktion

Das hat uns nicht gefallen

  • Stimmen trotz ANC deutlich hörbar
  • Ohrmuscheln nicht wechselbar
Testnote 8,6 von 10
Michael Knott Team-Bild
Bewertet von Michael Knott
8,0 / 10
Klang
9,0 / 10
Tragekomfort und Verarbeitung
9,0 / 10
Ausstattung
Informationen zum Leihgerät

Der WH-1000XM3 wurde uns von Sony zu Verfügung gestellt.

Mehr zum Thema, wie wir mit Testgeräten verfahren, wie wir testen und den allgemeinen Leitfaden für unsere Redaktion findet ihr in unseren Transparenz-Richtlinien.

Aktuelle Preise

Alle Preise verstehen sich inkl. MwSt. und ggf. zuzüglich Versandkosten. Details zu den Angeboten finden Sie auf der jeweiligen Webseite/Shop.

9
Leserwertung

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Bestenlisten

Sony WH-1000XM3 wurde in folgende Kopfhörer-Bestenlisten einsortiert.

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